Zintl

Büste von Eduard Zintl, Headerbild

Wer war Eduard Zintl?

Eduard Zintl wurde am 21. Januar 1898 in Weiden/Oberpfalz (Bayern) geboren. Seine Schulausbildung erfolgte zunächst in Weiden und Bayreuth. Nach dem Umzug der Familie nach München bestand er mit 18 Jahren die Abiturprüfung. Unmittelbar im Anschluß daran folgte die Einberufung zum Militärdienst – es war die Zeit des ersten Weltkriegs – so daß Eduard Zintl erst im Altern von 21 Jahren sein Chemiestudium an der Bayrischen Akademie der Wissenschaften in München aufnehmen konnte. Bereits in den ersten Semestern fiel Zintl durch seine überdurchschnittlichen Leistungen auf, so daß Otto Hönigschmid ihn zum Famulus (also zum Hilfsassistenten) ernannte. Schon bald durfte Zintl seinen Arbeitsplatz in das Privatlaboratorium von Otto Höngischmid verlegen und konnte mit seiner Doktorarbeit beginnen, ohne das sog. 2. Verbandsexamen (heute etwa: Diplomprüfung) abgelegt zu haben. Die Ausnahmesituation wurde sowohl von Otto Höngischmid als auch vom damaligen Direktor des Hauses, Richard Willstätter, verantwortet. Das Examen wurde zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt. Als engster Mitarbeiter von Otto Hönigschmid, der gleichzeitig Leiter des Deutschen Atomgewichtslaboratoriums war, beteiligte sich Eduard Zintl an Neu- und Erstbestimmungen von Atomgewichten. Hier lag schließlich auch das Thema seiner Dissertation, die er bereits im Alter von 25 Jahren, nach nur 9 Studiensemestern, mit dem Prädikat 'summa cum laude' abschloß. Die Ergebnisse der Dissertation wurden in Liebigs Annalen unter dem Titel 'Revision des Atomgewichts des Broms durch vollständige Synthese des Bromsilbers' veröffentlicht (Ann. Chem. 433 (1923) 201). Im gleichen Jahr erscheint auch ein immerhin gut 360 Seiten umfassendes Lehrbuch von Eduard Zintl: Einführung in das Studium der anorganischen Chemie (Enke Verlag 1923). Im Vorwort findet man den richtungweisenden Satz: Die moderne Anorganische Chemie ist angewandte physikalische Chemie . Die enge Verknüpfung dieser beiden Fachrichtungen war für Zintl von essentieller Bedeutung und hat entscheidend zu seinem wissenschaftlichen Erfolg beigetragen.

Nach seiner Promotion verblieb Zintl zunächst als Privatassistent im Atomlabor. Er betreute während dieser Zeit einige Doktoranden von Otto Höngischmid (u.a. Günther Rienäcker und Josef Goubeau) und widmete sich neben weiteren Atomgewichtsbestimmungen der damals noch wenig beachteten potentiometrischen Maßanalyse. Auch hier entwickelte sich Zintl rasch zu einem anerkannten Spezialisten, wie das von ihm verfaßte Werk über Potentiometrische Titrationsmethoden zur Bestimmung von Schwermetallen und ihre Verwendung in der Legierungsanalyse (München, 1925) eindrucksvoll belegt. Seine weiteren Interessen galten der Farbigkeit von Festkörpern und ihrer Ursache, der er mit radiochemischen Methoden auf die Spur zu kommen suchte (z.B. E. Zintl, A. Rauch: Theorie der konstitutiven Färbung', Ber. Dt. Chem. Ges. 57, (1924) 1739. Schließlich beschäftigte er sich schon in München mit Lösungen von Metallen in flüssigem Ammoniak. Diese Arbeiten wurden offensichtlich angeregt durch ältere Berichte von A. Joannis (z.B. Ann. Chim. Phys. 7 (1906) 75) bzw. neuere Untersuchungen von Ch. A. Kraus (z.B. J. Amer. Chem. Soc. 47 (1925) 43), wonach die farbigen Lösungen von Alkalimetallen in flüssigem Ammoniak mit anderen Metallen oder auch Metallhalogeniden zur Reaktion zu bringen sind. Nur zwei Jahren nach seiner Promotion habilitierte sich Eduard Zintl für das Fach Chemie und wurde zum Konservator ernannt. In diese Zeit fällt auch die Heirat mit Margarete Steinheil, die am gleichen Institut ihre Doktorarbeit abgeschlossen hatte. Als 29-jähriger erhält Eduard Zintl den Ruf auf ein Extraordinat an der Universität Freiburg im Breisgau und übernimmt am 1. April 1928 als Nachfolger von Robert Schwarz die Anorganische Abteilung des Chemischen Laboratoriums. Die knapp bemessenen Räume im Erdgeschoß des Institutsgebäudes werden zunächst mit den aus München mitgebrachten Apparaturen – einem Kryostaten und einer Zelle für Potenitalmessungen in flüssigem Ammoniak – bestückt. Der damalige Direktor des Laboratoriums, Hermann Staudinger, förderte Zintl nach besten Kräften und schon bald erweiterten Mittel der Gesellschaft der Freunde der Universität Freiburg und der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft (der späteren Deutschen Forschungsgemeinschaft) seinen Etat. Die Etablierung eines neuen Arbeitskreises führt in der Regel – so auch bei Zintl – zu einem vorübergehenden Nachlassen der Veröffentlichungstätigkeit. Im Jahre 1929 erschien lediglich eine einzige (vorläufige) Mitteilung von Zintl, die allerdings sehr bemerkenswert war: Salzartige Verbindungen des Natriums und ihr Übergang zu intermetallischen Phasen (Naturwiss. 17 (1929) 782). Diese kurze Notiz zeigte, daß Zintl sich dem Arbeitsgebiet der intermetallischen Phasen zugewandt hatte. Als Konsequenz aus der Beschäftigung mit festen, kristallinen Verbindungen hatte er gleichzeitig auch die Röntgenbeugung in das Spektrum seiner Untersuchungsmethoden integriert.

Der kurzen (vorläufigen) Notiz aus dem Jahre 1929 war kaum anzusehen, welche Fülle neuer Erkenntnisse mit hervorragender Beherrschung der Synthese- und Versuchsmethoden gewonnen worden war. Dies wurde erst deutlich, als im Jahre 1931 nach vollständiger Bearbeitung und Abrundung des Themas zwei größere Arbeiten erschienen: Salzartige Verbindungen und intermetallische Phasen des Natriums in flüssigem Ammoniak (E. Zintl, J. Goubeau, W. Dullenkopf, Z. phys. Chem. A154 (1931) 1) sowie Plumbide, Polystannide und ihr Übergang in Metallphasen (E. Zintl., A. Harder, Z. phys. Chem. A154 (1931) 47). Einer der wesentlichen Faktoren für den Erfolg der Untersuchungen lag dabei sicher in den von Zintl und seinen Mitarbeitern entwickelten Methoden zur Handhabung und Vorbereitung von luftempfindlichen Reaktionsprodukten für Debye-Scherrer Aufnahmen (E. Zintl, A. Harder, S. Neumayer, Z. phys. Chem. A154 (1931) 92). Vergleichbare Präparationstechniken werden auch heute noch vielfach angewendet. Als besonders bemerkenswertes Ergebnis der beiden genannten Arbeiten ist zunächst hervorzuheben, daß die Elemente der 4.-7. Hauptgruppe als Anionenbildner wirken, während die Elemente der 3. Hauptgruppe sowie der Zink- und Kupfergruppe unter den gewählten Bedingungen unlösliche Metallphasen ausbilden. Bei den Anionenbildnern treten nun nicht nur die isolierten Ionen (z.B. S2-, As3-) auf, sondern es werden auch Polyanionen (z.B. As33-, As53-, As73-) beobachtet, die im Falle des Zinns und Bleis sogar die ausschließlichen Spezies (z.B. Sn94-, Pb74- und Pb94-) darstellen. Eine weitere wichtige Feststellung betraf die Tatsache, daß die in flüssigem Ammoniak gefundenen Chalkogenide auch durch Reaktion aus den Elementen darzustellen waren. Dagegen zeigten sich bei den Verbindungen mit Elementen der 4. und 5. Hauptgruppe wesentliche Abweichungen. Die aus flüssigem Ammoniak dargestellten Polyplumbide wurden eindeutig als NH3-Addukte identifiziert, die beim thermischen Abbau unter Umbildung der Polyanionen in Legierungsphasen umgewandelt werden. Auf diesem Wege erhielt Zintl die beta-Phase des Systems Na-Pb. Durch Strukturuntersuchungen konnte er zeigen, daß es sich um eine intermetallische Phase mit Homogenitätsbereich handelte. Zitat: „Die beta-Phase ist ein Mischkristall der nichtexistierenden Verbindung NaPb3 (Anmerkung: AuCu3-Typ) mit Natrium. Der Gittertypus des Bleis bleibt in der beta-Phase erhalten, es tritt aber beim teilweise geordneten Einbau in das Bleigitter eine lineare Kontraktion ein“. Die nachfolgenden Arbeiten von Zintl waren konsequent darauf ausgerichtet, die bis dahin gewonnenen Erkenntnisse zu vertiefen. Es folgte die genauere Charakterisierung von Sb- und Bi-Polyanionen und es wurde festgestellt, daß auch Germanium zur Bildung von Polyanionen befähigt ist, nicht dagegen Gallium und Indium. Diese oben bereits angesprochene Grenzen zwischen den Elementen der 3. und 4. Hauptgruppe wurde später von F. Laves als Zintl-Grenze bezeichnet. Folgerichtig wurden von Zintl durch eine große Zahl röntgenographischer Untersuchungen die Unterschiede in den Kristallstrukturen der salzartigen und metallischen Verbindungen herausgearbeitet. Dabei zeigt sich, daß die Mehrzahl der salzartigen Verbindungen 'rechts' der Zintl-Grenze mit definierter chemischer Zusammensetzung in Strukturen (bzw. den entsprechenden Anti-Typen) kristallisiert, die von Oxiden und Halogeniden bereits bekannt waren (z.B. Fluorit und Sesquioxide). Die metallischen Phasen mit Elementen 'links' der Zintl-Grenze bildeten in der Mehrzahl typische Legierungsstrukturen mit z.T. erheblichen Phasenbreiten. Eine Übersicht zu diesem Thema wird von Zintl in seiner Arbeit über Intermetallische Verbindungen (Angew. Chem. 52 (1939) 1) entwickelt. Hier sind auch die von ihm gefundenen neue Strukturtypen enthalten, von denen die NaTl und die NaZn13 Struktur besonders hervorzuheben sind. In der Kristallstruktur von NaTl (Originalarbeit: E. Zintl, W. Dullenkopf, Z. phys. Chem. B16 (1932) 195) besetzt jede Atomsorte die Positionen einer Diamantstruktur. Die beiden Teilstrukturen sind um eine halbe Kantenlänge der kubischen Elementarzelle gegeneinander versetzt. Als weitere Beispiele für Verbindungen, die in diesem Strukturtyp kristallisieren, wurden von Zintl gefunden: LiZn, LiCd, LiGa, LiIn, NaIn und LiAl. Die recht komplizierte Struktur von NaZn13 (Originalarbeit: E. Zintl, W. Haucke, Z. Elektrochem. 44 (1938) 104), die unabhängig von den Zintl-schen Arbeiten auch von J. A. A. Ketelaar aufgeklärt worden war (J. Chem. Phys. 5 (1937) 668), ist ebenfalls kubisch, mit dem auffälligen Merkmal, daß jedes Na-Atom von 24 gleichweit entfernten Zn-Atomen umgeben ist. In diesem Strukturtyp kristallisieren auch die Verbindungen KZn13, CaZn13, SrZn13 BaZn13 KCd13 RbCd13 und CsCd13. Die Gitterkonstanten dieser Verbindungen sind in erster Näherung von der Größe der Alkali- bzw. Erdalkaliatomen unabhängig. Dies führte zu der Vorstellung eines aus Zn- und Cd- Atomen gebildeten Gerüstes, das gleichsam die 'tragende Konstruktion' der Kristallstruktur darstellt. Die unedlen Atome besetzen die Lücken der 'tragenden Konstruktion'. W. Klemm schreibt hierzu unter gleichzeitiger Berücksichtigung der NaTl-Struktur: „der Gedanke solcher tragenden Teilstrukturen mit einem in sich abgeschlossenen System von Atombindungen erinnert an das Verhalten mancher Silikate. Man wird diesen Gedanken für die Deutung der Aufbauprinzipien auch anderer Klassen von Legierungsphasen zu betrachten haben“. Die Untersuchungen von Eduard Zintl über den strukturellen Aufbau von Verbindungen im Übergangsbereich zwischen ionischen und metallischen Zuständen führten naturgemäß auch zu den Hydriden. Wiederum zeigten sich seine besonderen experimentellen Fähigkeiten als Garant für den Erfolg, wie aus der Veröffentlichung 'über Alkalihydride' zu entnehmen ist. (E. Zintl, A. Harder, Z. phys. Chem. 14 (1931) 265). Auf dem Gebiet der Hydride wurden schließlich auch Arbeits- und Synthesemethoden entwickelt, die die Isolierung von Einkristallen und Dichtebestimmungen der empfindlichen Substanzen ermöglichten (s. Konstitution der Erdalkalihydride, E. Zintl, A. Harder. Z. Elektrochem. 41 (1935) 33). Die Zeit als Extraordinarius an der Universität Freiburg war für Eduard Zintl in erster Linie von intensiver und erfolgreicher Forschungsarbeit geprägt. Durch äußere Verpflichtungen war er kaum abgelenkt. Er pflegte den Kontakt zu seinen Doktoranden, Assistenten und Studenten. In seinen Vorlesungen behandelte er bevorzugt Sachverhalte, die nicht in Lehrbüchern nachzulesen waren. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, daß er die Kristallstrukturlehre nicht als eigenständigen Abschnitt, sondern als eine Grundlage für die Beschreibung anorganischer Stoffe vermittelte. Im Frühjahr 1933 erhielt Zintl den Ruf als ordentlicher Professor für Chemie und als Vorstand des Instituts für Anorganische Chemie an die Technische Hochschule Darmstadt und trat am 1. Oktober des Jahres die Nachfolge von Lothar Wöhler an. Die Leitung der anorganisch-analytischen Abteilung übertrug Zintl Wolfgang Kohlschütter. Da die physikalische Chemie an der Technischen Hochschule Darmstadt derzeit noch nicht vertreten war, ließ Zintl sofort eine physikalisch-chemische Abteilung einrichten, berief Carl Wagner zum Leiter dieser Abteilung und erwirkte gleichzeitig für das gesamt Institut die Bezeichnung 'Institut für Anorganische und Physikalische Chemie'. Dies entsprach unmittelbar dem Programm für Lehre und Forschung, das Zintl bei seiner Berufung nach Darmstadt als Forderung mitgebracht hatte. Sein bereits aus früheren Jahren deutliches Bestreben, eine Verknüpfung von Anorganischer Chemie und Physikalischer Chemie zu erreichen, war damit auch nach außen durch die Bildung eines gemeinsamen Instituts dokumentiert.

Die apparativen Methoden, die sich zu dieser Zeit auf dem Sektor der anorganischen und physikalischen Chemie auf breiter Ebene entwickelten, verlangten bald nach erweiterten Räumlichkeiten. Das im Jahr 1895 erbaute Institutsgebäude war selbst nach Umbaumaßnahmen zu klein, so daß der Plan zu einem Institutsneubau am Herrngarten, in unmittelbarer Nähe zum alten Gebäude, entstand. Seine organisatorischen Fähigkeiten widmete Zintl in diesen Jahren vornehmlich der Entwicklung einer modernen Konzeption für das neue Institut. Zwischenzeitlich erhielt er einen ehrenvollen Ruf an die Technische Hochschule Stuttgart. Auch die chemische Industrie umwarb den anerkannten Wissenschaftler mit dem für die Technische Hochschule Darmstadt erfreulichen Ergebnis, daß er ihr als Hochschullehrer erhalten blieb. Am 1. Oktober 1937 wurde schließlich der Grundstein zum Neubau gelegt, das Richtfest fand am 10. Dezember 1938 statt. Als Symbol für das Forschungsprogramm des neuen Instituts ließ Zintl die Büsten von zwölf international anerkannten Naturwissenschaftlern in die Außenfassade des neuen Hauses integrieren. Die von Zintl getroffene Auswahl war zweifellos repräsentativ für die damaligen Interessen der Anorganischen und Physikalischen Chemie:

* Henri Moissan: Präparative Chemie bei hohen Temperaturen; Chemie des Fluors (Nobelpreis 1906).

* Wilhelm Ostwald: Physikalische Chemie (Nobelpreis 1909).

* Gustav Tammann: Metalle und Legierungen

* Carl Freiherr Auer von Welsbach: Chemie der Seltenen Erden.

* Svante Arrhenius: Elektrolytische Dissoziation (Nobelpreis 1903)

* Sir William Bragg: Röntgenbeugung an Kristallen (Nobelpreis 1915)

* Walther Nernst: Physikalische Chemie (Nobelpreis 1920)

* Richard Zsigmondy: Kolloidchemie (Nobelpreis 1925)

* Alfred Werner: Anorganische Chemie, Komplexchemie (Nobelpreis 1913)

* Max Bodenstein: Physikalische Chemie, Reaktionskinetik

* Sir Ernest Rutherford: Atommodell, Atomspaltung (Nobelpreis 1908)

* Otto Hönigschmid: Internationale Atomgewichtskommission

Neben seinen laufenden Forschungen an intermetallischen Verbindungen und den Planungen für den Instituts-Neubau übernahm Zintl ab 1936 zugleich engere Kooperationstätigkeiten mit der Chemischen Industrie. Heraus entwickelten sich im Einklang mit Zintls grundsätzlichen Interessen neue wissenschaftliche Fragestellungen, die zu weiteren bemerkenswerten Veröffentlichungen über Oxo-Verbindungen und Oxide führten: Orthosalze von Sauerstoffsäuren (E. Zintl, W. Morawietz, Z. anorg. allg. Chem. 236 (1938) 372) Zur Frage der Existenz wasserfreier Natriumsilikophosphate (E. Zintl. W. Morawietz, Z. anorg. allg. Chem. 245 (1940) 12), Gleichgewichtsmessungen an Natriumsilikaten (E. Zintl., H. Leverkus, Z. anorg. allg. Chem. 243 (1939) 1), Siliciummonoxyd (E. Zintl, Z. anorg. allg. Chem. 245 (1940) 1) und Bormonoxyd (E. Zintl, W. Morawietz, E. Gastlinger, Z. anorg. allg. Chem. 245 (1940) 8). Im Jahr 1938 erhält Eduard Zintl in Anerkennung der von ihm erzielten wissenschaftlichen Erfolge die Liebig-Gedenkmünze des Vereins Deutscher Chemiker. Der Text der Verleihungsurkunde lautete: Seine Untersuchungen über intermetallische Verbindungen haben dieses Gebiet entscheidend gefördert, derart, daß nicht nur die reine Wissenschaft, sondern auch die Industrie der Metalle wichtige Anregungen erfahren hat. In seinem Bestreben, die Anorganische Chemie zu fördern, übernahm Zintl schließlich neben allen anderen Tätigkeiten und Aktivitäten auch die Geschäftsführung der Redaktion der Zeitschrift für anorganische und allgemeine Chemie.

Auf der Höhe seines Wirkens verstarb Eduard Zintl am 17. Januar 1941 kurz vor der Vollendung seines 43. Lebensjahres. Er erlebt damit auch nicht den Einzug in das nahe vor der Eröffnung stehende neue Institut. Auf seiner Trauerfeier am 21. Januar 1942 wurde ihm zu Ehren bestimmt, daß der Institutsneubau seinen Namen tragen sollte: Eduard-Zintl-Institut für anorganische und physikalische Chemie.

Das wissenschaftliche Werk von Eduard Zintl hat die Anorganische Chemie auf vielen Ebenen vorangebracht. Im Vordergrund stand dabei unverkennbar die Festkörperchemie. Hier entwickelte Zintl auf der Basis seiner experimentellen Ergebnisse Vorstellungen und Modelle, die bis zum heutigen Tage aktuell sind. Eine wesentliche Zielsetzung der Zintlschen Arbeiten war der Frage gewidmet, welche Elemente in der Lage sind, zusammen mit unedlen Metallen Anionen zu bilden. Von den Halogenen und Chalkogenen war dies natürlich hinlänglich bekannt. Eine Herausforderung stellten dagegen bereits die Verbindungen mit Pnictogenen (As, Sb, Bi) oder den Elementen der 4. Hauptgruppe (Ge, Sn, Pb) dar. Mit der Ausweitung seiner Untersuchungen auf Erden-Elemente sowie die Elemente der Zink- und Kupfer-Gruppe bewegte sich Zintl schließlich im Übergangsbereich zwischen ionischen (salzartigen) und metallischen Phasen.

In einem Nachruf auf Eduard Zintl aus dem Jahre 1941 wurde von F. Laves vorgeschlagen, die von Zintl beschriebenen und nach anerkannten Valenzregeln zu verstehenden intermetallischen Verbindungen als Zintl-Phasen zu bezeichnen. Laves setzte die Randbedingungen hierzu wie folgt:

1. Zintl-Phasen kristallisieren in 'nicht-metallischen', typisch salzartigen Strukturen.

2. Zintl-Phasen sind jeweils diejenigen Phasen des betreffenden Legierungssystems, welche die größte Menge an unedlen Komponenten enthalten

Das Kriterium 2 beinhaltete allerdings die unglückliche Einschränkung, daß vornehmlich Verbindungen mit isolierten Anionen unter den Begriff Zintl-Phasen fielen, Verbindungen mit homonuclearen Anionenverbänden lagen dagegen außerhalb der Definition.

Trotz dieser Schwierigkeiten mit der von Laves vorgeschlagenen Eingrenzung wurde der Begriff Zintl-Phasen unmittelbar akzeptiert. Man verstand darunter ganz allgemein intermetallische Phasen mit stark ionogenem Bindungsanteil. Als besondere Vertreter dieser Stoffklasse standen Verbindungen im Mittelpunkt, die im NaTl-Strukturtyp kristallisieren. Mit diesem Beispiel (NaTl) leitet auch Wilhelm Klemm seine Arbeit über Volumeninkremente und Radien einiger einfach negativ geladener Ionen ein (W. Klemm, E. Busmann, Z. anorg. allg. Chem. 319 (1963) 297). Er schreibt: „Nach der Zintl'schen Vorstellung vereinigen sich die formal negativ geladenen Teilchen, die dieselbe Elektronenzahl besitzen wie die ungeladenen Atome des im Periodensystem folgenden Elements, zu Polyanionen mit einem ganz ähnlichen Aufbau, wie man ihn bei den entsprechenden Elementen findet.“ Dieses Konzept konnte Wilhelm Klemm nun durch Vergleiche der Radien von negativ geladenen Ionen mit ungeladenen Atomen der im Periodensystem jeweils folgenden Elemente erweitern und über den NaTl-Strukturtyp hinaus verallgemeinern. In den nachfolgenden Jahren wurde eine große Zahl neuer Zintl-Phasen bekannt, die auch komplexe Anionenverbände enthalten. Auf dieser Basis wurde von Herbert Schäfer und Brigitte Eisenmann eine Erweiterung der Definition von Zintl-Phasen entwickelt, die über die Konzept der Isosterie zu Elementstrukturen gleicher Valenzelektronenzahl hinausreicht (H. Schäfer, B. Eisenmann, W. Müller, Angew. Chem. 85 (1973) 742). Die Autoren schreiben: „Es erscheint sinnvoll, die Konzeption dahingehend zu erweitern, daß die gleiche Bindigkeit gegenüber gleichnamigen Nachbarn erreicht, d.h. die (8-N)-Regel erfüllt werden muß. Auf die gleiche Aussage bezüglich der Bindigkeit führt auch die allgemeine Regel von Pearson (W. B. Parson, Acta Crystallogr. 17 (1964) 1) Abschließend zu Zintl-Phasen ist an dieser Stelle noch ein Zitat aus einer Arbeit von H. G. v. Schnering über 'Homonucleare Bindungen bei Hauptgruppenelementen' von Bedeutung (H. G. von Schnering, Angew. Chem. 93 (1981) 44): “Sieht man einmal von den Boranen ab, so können bei den Clustern der Hauptgruppenelemente immer noch außerordentlich effektiv die vergleichsweise einfachen Valenzregeln von Grimm und Sommerfeld, von Zintl, von Klemm und Busmann oder von Mooser, Pearson, Kjekshus und Hulliger verwendet werden. Allerdings sollte man daran denken, daß sich die Verbindungen 'gegenüber unserer Beschreibung nicht wehren können' (Harald Schäfer, Diskussionsbemerkung, Münster 1962). Der Wert einer Beschreibung ist also daran zu messen, inwieweit sie den Zusammenhang zwischen Stöchiometrie (=Valenzelektronenzahl), Struktur (=Elektronenverteilung) und Eigenschaften (Farbe, Leitfähigkeit, Magnetismus, Reaktivität etc. darzustellen vermag.„

Einleitung von Rüdiger Kniep aus dem Buch “Chemistry, Structure, and Bonding of Zintl Phases and Ions", edited by Susan M. Kauzlarich (1996), VCH Verlagsgesellschaft, Weinheim, Germany.

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